Die Reformlüge: 40 Denkfehler, Mythen und Legenden, mit denen Politik und Wirtschaft Deutschland ruinieren
von



 
...gepflegte Ignoranz!!!
• • • • •   (bewertet mit 3 von 5 Punkten)

INSGESAMT: ...leider nur sehr bedingt zu empfehlen... Es bietet eine große Fülle an fachlichen Details, Hintergründen und Daten, die man prima nachschlagen kann. Doch die Grundposition ist nicht zukunftsfähig, sondern arg rückschrittlich!!!

ALLGEMEINES: die aktualisierte Ausgabe von 2005 hat 416 Seiten. Der Schreibstil ist sehr(!) angenehm und sehr zügig zu lesen. Es ist in zahlreiche kleinere Unterpunkte und drei große Kapitel aufgeteilt.

Kapitel I. Unter dem Deckmantel der Reform - Hintergründe und Ziele

...hier geht es um die Systematik der Reformdebatte, wer sie führt und mit welcher Absicht. Er deckt eine Manipulation der öffentlichen Meinung und Wahrnehmung auf. Er zeigt, wie man gezielt in den Medien aus Lügen Wahrheit macht. Da stimme ich dem Autor auch 100%ig zu. Sein Hintergrundwissen dazu ist sehr lesenswert!

Kapitel II. 40 Denkfehler, Mythen und Legenden

...hier geht der Autor ganz konkret den Argumenten der Reformer nach und zeigt, dass oft ein Nullgehalt oder sogar völlig falsche Behauptungen dahinter stecken. Hier fallen mir allerdings seine Halbwahrheiten unangenehm auf. Darauf komm ich noch zurück...

Kapitel III. Die Reformpleite - Helfer und Helfershelfer

Hier zeigt er vor allem personelle Verbindungen zwischen all den Blindgängern des modernen Neoliberalismus auf. Das sind Details, die man bestenfalls hätte vermuten können. Äußerst lesenswert!!! Allein deshalb werde ich das Buch behalten!

KRITIK: Es sind ja viele Menschen mittlerweile dabei, endlich aufzuwachen und sich bewußtseinsmäßig von der Stelle zu bewegen. Dieser Autor ist mir schon weit sympathischer, als die üblich Verdächtigen, die Menschen nur noch als Kostenfaktoren betrachten. Doch die Rückzugsposition des Autors ist leider falsch, weil inkonsequent, blind systemtreu und unfähig neue Lösungen zu finden. Er ignoriert einfach zu sehr den Charakter dessen, was heute um uns herum vorgeht. Allein wer mal als Vergleich »Entschleunigung« von Fritz Reheis liest, dem wird sofort klar, wie mangelhaft, unvollständig, ja kläglich die Erklärungen letztlich sind, die dieses Buch bietet. Viele Sachverhalte werden nur halbherzig und oberflächlich beleuchtet. Analog betrachtet wäre das so, als wenn zwei Unfallopfer sich streiten, wer denn nun gesund sei - einer hat mehrere Knochenbrüche (der Autor Albrecht Müller), der andere ist Querschnitts gelähmt (die attackierten Neoliberalen). Die Differenz aus beiden Positionen ist dann sozusagen das Streitfeld in diesem Buch. Aber ist einer von beiden gesund?

Albrecht Müller hält leider immer noch die soziale Marktwirtschaft der 70er Jahre für sein erstrebenswertes Ideal. Das ist sein Bewusstseinshorizont. Obwohl es den meisten Menschen damals tatsächlich noch gut ging im Vergleich zu heute, unterliegt er damit einer Illusion, denn die ökonomischen Gesetze, die er still ignoriert, haben damals ja auch schon gewirkt. Schuld seien allein die Neoliberalen. Kritik am Kapitalismus selbst, taucht so hier leider gar nicht auf. Das Wort Kapitalverwertungsprozesse kommt nicht ein einziges Mal vor, obwohl es ja das wäre, was die ökonomischen Abläufe ausmacht und steuert und was er selbst auch (aber leider immer nur indirekt und kurzatmig) anprangert.

POSITIV: Gefallen haben mir die beiden letzten Unterkapitel 8. und 9. im Kapitel III., wo er Allgemeinsätze über eine Gesellschaft formuliert. Die sind ganz o.k., sag ich mal. Dazwischen bringt er aber wieder Klopfer rein, wo ich mir nur an den Kopf fasse und denke - das darf doch nicht wahr sein! Z.B. stellt er eine »Synthese aus Angebotsökonomie (also was neoliberales) und Keynes (was ja nun historisch derart versagt hat)« als Lösung dar. Er redet auch meist recht abstrakt davon, man müsse nur wieder »Dampf in die Wirtschaft bringen« oder man müsse nur »die Leistungskapazitäten wieder richtig ausnutzen«. ...eine Konjunktur müsse und könne man quasi psychologisch herbeireden. Was wirklich um ihn herum passiert, der ganze Werteverfall im Zwangssystem des Monetarismus, im Zwang der Mehrwertbildung usw., das kennt er nicht oder ignoriert es.

Es gibt aber auch mehrere kleine Highlights in diesem Buch!!! Dabei kratzt er an einer Lösung! Es gibt Stellen, wo er einen Wechsel in seiner Argumentation vornimmt und darauf verweist, das man abseits der monetären Seite, einfach mal in »real terms« denken könne - also real hergestellten Gütern. NA ALSO! KLASSE!! APPLAUS!!! BEGEISTERUNG!!!! Das geht 100%ig auf!!!! Nur dann stell ich mir die Frage, warum er das nicht generell anwendet??? Dann würde nämlich offensichtlich werden, dass der ganze Kapitalismus ein einziger Schwindel und Budenzauber ist und die Probleme würden sich, schrittweise in diese Richtung weiter gedacht, in Rauch auflösen. Auch die Globalisierung findet man anderweitig deutlich besser analysiert. Da gab es ab 1980 durchaus einen qualitativen Sprung (siehe z.B. »Götterdämmerung über...« von Stefan Engel, »Weltordnungskrieg...« von Robert Kurz). Insbesondere Robert Kurz halte ich da qualitativ für einen Quantensprung, weil deutlich tiefgründiger von der Logik her.

Aber das muß schon jeder für sich selbst rausfinden! Heißt ja nicht umsonst »Überzeugung« - man muss sich also schon die Mühe machen und sich selbst davon ein Bild machen, überzeugen eben. Im Vergleich zu besseren Autoren (Analysen) hilft dieses Buch dabei...alleine führt es Dank seiner gepflegten Ignoranz eher in die Irre mit einem Blickwinkel der Halbwahrheiten...quasi die eigene »Reformlüge« des Autors.
Eine Rezension von A. Antman "New Wave Ameise" > Hamburg
vom 26. August 2008
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