Das Prinzip Freiheit. Maximen und Erkenntnisse


 
Soziale Marktwirtschaft heißt nicht Luxus für wenige und Armut für viele.
• • • • •   (bewertet mit 2 von 5 Punkten)

Alle meine Rezensionen ansehen Rezension bezieht sich auf: Das Prinzip Freiheit. Maximen und Erkenntnisse (Gebundene Ausgabe) Ludwig Erhard gilt als einer der, wenn nicht als der "Vater der Sozialen Marktwirtschaft". Der ungeheure wirtschaftliche Aufschwung, den die Bundesrepublik Deutschland nach der Diktatur des Dritten Reiches und dem Ende des Zweiten Weltkrieges erlebte, ist untrennbar mit seinem Namen verbunden und nicht zuletzt auf seine Wirtschaftspolitik zurückzuführen.

Das Buch besteht bis auf das Vorwort des Herausgebers mit Bezug auf die derzeitige Finanz- und Wirtschaftskrise ausschließlich aus ausgewählten und durchaus lesenswerten Zitaten (mit Quellenangabe) des 1977 verstorbenen Wirtschaftspolitikers Ludwig Erhard.

In seinem Vorwort schreibt der Herausgeber zwar:
"Die Weltwirtschaft befindet sich derzeit in einer Krise, die in ihrem Ausmaß vielfach mit der Weltwirtschaftskrise von 1929 ... verglichen wird.
... Die Folgen des Niedergangs in den 1930er und 1940er Jahren ... haben sich tief ins Gedächtnis der Menschen gebrannt ... In dieser Zeit wurden aber auch wissenschaftliche Konsequenzen aus dem Jahren des wirtschaftlichen Laisser-faire gezogen.
... Im Krisen- und Wahljahr 2009 wird die Soziale Marktwirtschaft beinahe über das gesamte politische Spektrum hinweg als Erfolgsmodell beschworen. Bei dieser Breite ist die begriffliche Unschärfe wenig verwunderlich. Zeit also, sich mit den Maximen und Erkenntnissen Ludwig Erhards auseinanderzusetzen."

Eine "begriffliche Schärfung" durch aus dem zeitlichen Kontext gerissene Zitate führt aber allzu leicht in die Irre und auf den Holzweg. Sollte man zudem diesen "geschärften Begriff" nicht auch an der aktuellen Realität messen und überprüfen?

Das erste Kapitel überschreibt der Herausgeber mit "Leitbild Freiheit". Das Leitbild, also die langfristige Zielvorgabe, Ludwig Erhards war allerdings nicht die Maximierung der Freiheit, sondern ausdrücklich "Wohlstand für alle". So lautet nämlich auch der Titel des 1957 erstmals von Erhard veröffentlichten Buches. Und im ersten Kapitel dieses Buches schreibt Erhard wortwörtlich (dieses Zitat findet sich allerdings nicht im vorliegenden Buch):

"So wollte ich jeden Zweifel beseitigt wissen, daß ich die Verwirklichung einer Wirtschaftsverfassung anstrebe, die immer weitere und breitere Schichten unseres Volkes zu Wohlstand zu führen vermag. Am Ausgangspunkt stand der Wunsch, über eine breitgeschichtete Massenkaufkraft die alte konservative soziale Struktur endgültig zu überwinden. Diese überkommene Hierarchie war auf der einen Seite durch eine dünne Oberschicht, welche sich jeden Konsum leisten konnte, wie andererseits durch eine quantitativ sehr breite Unterschicht mit unzureichender Kaufkraft gekennzeichnet."

Vergleicht man nämlich diese Zielsetzung Ludwig Erhards mit der heutigen Realität, dann ist davon zweifelsohne nicht mehr viel übrig geblieben, denn wir haben heute wieder eine historisch beispiellose Konzentration von Einkommen und Vermögen wie am Ende der Weimarer Republik. Nach aktuellen Erhebungen vereinigen die reichsten zehn Prozent der bundesdeutschen Bevölkerung derzeit mehr als sechzig Prozent des privaten Vermögens auf sich, die reichsten zwanzig Prozent sogar achtzig Prozent. Der reichste Deutsche verfügt allein über ein Vermögen in Höhe von umgerechnet rund 17 Milliarden Euro (Quelle: forbes magazin 2009), was etwa dem Gegenwert von 30.000 bis 35.000 Einfamilienhäusern zu einem Preis von jeweils einer halben Million Euro entspricht.

Dieser Vermögenskonzentration steht rund die Hälfte der deutschen Bevölkerung gegenüber, die über kein nennenswertes Vermögen verfügt, falls man die Krümel, die ein Hartz IV- oder Empfänger von Sozialhilfe als Schonvermögen behalten darf, in diesem Zusammenhang überhaupt als "Vermögen" bezeichnen kann.

Und an dieser Stelle sollte man dann wieder Ludwig Erhard im Original zu Wort kommen lassen (das Zitat findet man auch im vorliegenden Buch): "Eigentum macht frei! Ich erkenne darin nicht zuletzt auch das Mittel, um einem Konzentrationsprozess des volkswirtschaftlichen Produktionskapitals in Großformen der Wirtschaft ... ein Gegengewicht durch eine Dekonzentration des Eigentums an solchen Vermögenswerten entgegenzusetzen."

Offensichtlich hat die "dünne Oberschicht, welche sich jeden Konsum leisten" kann, in Deutschland immer noch nicht genug Eigentum auf sich konzentriert.
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 21. Februar 2010
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